Die Seele in der Stirnfalte Fleur Jaeggys Geschichten aus dem helvetischen Alltag Ein Hauch stillen Wahnsinns weht durch die sieben Erzählungen von Fleur Jaeggy, welche unter dem Titel «Die Angst vor dem Himmel» auf deutsch erschienen sind. Ihr Schauplatz ist die Schweiz. Die in Zürich geborene Autorin karikiert das Land mit Seen, Alpen, Wiesen, ewigem Schnee, kahlen protestantischen Kirchen, Friedhofkapellen und Familiengräbern in kurzen Momentaufnahmen. Für soziale Probleme gibt es hier Internate, Alterswohnungen, Ferienheime, Waisenhäuser, Irrenanstalten und private Stiftungen für Verwahrloste Randzonen der soliden Bürgerlichkeit, in denen Konflikte ausbrechen, Morde, Selbstmorde und Verbrechen geschehen. In der ersten Erzählung erhängt sich zum Beispiel eine reiche Frau, weil eine Dienstmagd ihr das uneheliche Kind nicht wie versprochen zur Adoption überlässt; ihre plötzliche Weigerung entspringt dem Hass auf den Säugling, der kein besseres Leben haben soll als sie selber. Anderswo erschlägt eine Exhure ihre Wohltäterin mit einem Hammer, weil diese sich in voyeuristischer Weise für ihre Sexualität interessiert. Und am Vorabend des goldenen Hochzeitsfestes hilft die sanfte Verena ihrem Ehemann beim Sturz aus dem Fenster, weil sie gemerkt hat, dass ihn der Gedanke an ihre vermeintliche Krankheit erfreut. Die Menschen, die Fleur Jaeggys Geschichten bevölkern, sind ohne Ausnahme neurotisch verquält, narzisstisch gestört, dumpfen Trieben ausgeliefert, ressentimentgeladen und grausam, vor allem aber erscheinen sie, ob jung oder alt, eingemauert in eine Einsamkeit, die sie im Leben schon als Tote erscheinen lässt. Der Tod ist in zwanghafter Weise gegenwärtig, nicht nur in den Morden, Unfällen und Todesfällen, sondern auch im Alltag des Fleischhauers, der in der Hochzeitsnacht den Plan eines eigenen Schlachthauses entwirft und seiner Frau beim Bierfest mit dem Trinkspruch «Auf den Tod!» zuprostet. Oder im Schlafzimmer des lesbischen Paares im Berner Patrizierhaus, wo das gewaltige hölzerne Bett der Eltern an die Familiengruft auf dem Friedhof erinnert. Und in der Geschichte «Die Zwillinge» verbringen Hans und Ruedi Schübeli im einsamen Bergdorf ihr melancholisches Leben vor dem Tod damit, kunstvolle Särge zu schnitzen. Die düsteren Horrorgeschichten aus einer hoffnungslosen Welt werden mit sparsamer und spröder Präzision erzählt. Die Autorin versagt sich psychologische Motivierungen oder Kommentare, gibt weder Erklärungen noch Begründungen, sondern verlässt sich auf die Faszination des Ungesagten, Ungefähren, Ungeklärten. Das gibt ihrer Prosa auf den besten Seiten eine fast hypnotische Intensität; auf weiten Strecken erschöpft sich die bewusste Erzähl-Askese allerdings in einem mehr oder weniger eleganten Manierismus. Auf der Ebene der Syntax werden die konventionellen Satzstrukturen aufgelöst in Fragmente, Ellipsen und Bruchstücke, die manchmal nur noch aus einem Wort bestehen, und die Verben wechseln die Zeitform überraschend im gleichen Satz vom Präsens ins Perfekt oder Imperfekt. Da heisst es dann von der Metzgersfrau: Sie war etwas Tierisches, das tanzte, sie spürte, wie das Tier sie einschnürte wie ein Korsett. Es war Raserei und Auflösung, es zertrat die Zeit, atmete den Takt, folgte dem lautlosen Schritt der Katastrophe. Sie empfand innige Liebe zu ihresgleichen, diesen Kreaturen, die glücklich, beschaulich, weise gewesen waren, ehe sie Schlachtvieh wurden. Manchmal nervös. Gefügig. Sie hatte sie gestreichelt. Sie hatten, wagt sie zu denken, den Todesstoss schon erlebt. Der Einbruch dumpfer Sinnlichkeit in die bürgerliche Scheinordnung lässt hier ein gefühliges Pathos aufkommen, in dem die Unstimmigkeiten verschwimmen. Dass Fleur Jaeggy in diesen Erzählungen nicht mehr die Spannung und die glasklare Präzision erreicht, die ihr letztes Buch, «Die seligen Jahre der Züchtigung», so attraktiv machten, hängt vielleicht damit zusammen, dass ihnen die Beziehung zu einem autobiographischen Lebensstoff fehlt. Die kurzen Berichte aus der Hölle eines banalen Alltags haben trotz ihrem unterkühlten Pathos auf weiten Strecken die Beliebigkeit literarischer Exerzitien. Das hat die im allgemeinen zuverlässige Übersetzerin Barbara Schaden offenbar dazu veranlasst, sich Freiheiten zu gestatten, die nicht immer überzeugen. Zum Beispiel dort, wo die Rede ist von der Pfarrersfrau, die in den ersten Jahren ihrer Ehe glaubte, ihr Mann bewahre seine Seele in einer tiefen Stirnfalte auf. Im Original wird das dunkle violette Zahnfleisch als Seelenort vermutet, was surrealer und kühner wirkt. Im Grunde haben aber beide Versionen etwas literarisch Verschmocktes, und am Ende ist man froh, wenn der penetrant protestantische Pfarrer im ewigen Schnee verschwindet, den die Übersetzerin als «ewiges Eis» bezeichnet. Alice Vollenweider