Philipp Delmas provokante Streitschrift Über den nächsten Krieg mit Deutschland greift „das größte Problem Frankreichs im Übergang zum 21. Jahrhundert“ auf: die Angst vor Deutschland. „Die Angst vor Deutschland kehrt wieder“, prophezeit Delmas, „sie ist jetzt schon die stärkste politische Kraft in Europa und das meistgeteilte Gefühl. Was immer Deutschland sagt oder tut — es wird die Befürchtungen seiner Nachbarn nicht zerstreuen“. Wie könnte es auch, ist die Angst, die Deutschland erregt, doch existenzieller Natur: „Mehr als sein Wille zur Macht oder seine Ambitionen ist es sein Wesen selbst, das Furcht einflößt“. Deutschland als hoffnungsloser Fall. Da tröstet es wenig, dass Delmas eine solche Angst für gefährlich hält, da sie „ein unwiderrufliches Verdikt“ bedeutet, zumal er nicht müde wird zu betonen, dass Frankreich in der Vergangenheit nur ein Mittel kannte, um Deutschland im Zaum zu halten: Krieg. Dabei ist es weniger die ökonomische und politische Macht des wiedervereinigten Deutschlands, die unsere französischen Nachbarn bedrückt, als vielmehr das deutsche Unvermögen, mit dieser Macht richtig umzugehen. „Es gibt in Deutschland keine Kultur der nationalen Machtausübung“, behauptet Delmas, und in diesem historischen Defizit erblickt er die eigentliche Bedrohung für den Bestand Europas. „Wie lässt sich die Einheit und damit die Macht Deutschlands für seine Nachbarn akzeptabel gestalten?“, fragt Delmas. Seine Antwort stimmt wenig optimistisch: „Der Friede hängt davon ab, ob die deutsche Macht untrennbar mit der französischen verbunden ist“, wenn nicht, drohe ein Rückfall in das alte Spiel der Allianzen und Koalitionen, und das „wird sich nur durch Krieg lösen lassen“, sagte de Gaulle einmal. –Stephan Fingerle